„Eine gewonnene Stellung“ auch gewinnen

Als Trainer analysiere ich zahlreiche Partien meiner Schüler. Ein Merkmal von Partien von Spielern bis 1800 ist die wechselnde Qualität von Zügen über die gesamte Dauer einer Partie. Stellungen mit materiellen Vorteil werden nicht gewonnen. Eine Möglichkeit diesen Umstand zu ändern, wäre konsequent der technischen Phase einer Partie mehr Beachtung zu schenken. Deshalb rate ich dazu und übe mit meinen Schülern technische Endspiele. Diese sind nicht so aufregend wie zum Beispiel Taktikaufgaben, aber dennoch wichtig, um eine gut geführte Partie auch konsequent zu beenden.

Das Thema heute lautet: Endspiel mit Turm und Bauern gegen Springer und Bauern: Geller – Mikhalchishin, Sowjetunion Meisterschaft 1985.

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Schwarz besitzt eine Qualität mehr. Wie lässt sich dieser Vorteil verwerten? Eine Möglichkeit besteht darin, zunächst Schritt für Schritt die eigenen Figuren in guten Positionen zu bringen: zunächst den Turm, anschließend den König und danach werden die Bauern zu Unterstützung herangezogen. Diese Züge werden ausgeführt, um eine Schwäche im weißen Lager zu provozieren und die weißen Figuren auf ungünstigen Feldern zu zwingen. Diese geduldige Vorgehensweise ist wichtig, weil sonst Weiß eine Festung aufbaut oder Gegenspiel generieren kann. Eine wichtige Hürde beim Spiel solcher Endspiele ist die mentale Verfassung des Spielers in Vorteil. Er mag zwar denken, das ist gewonnen und dadurch können sich Nachlässigkeiten und Fehler einschleichen. Deshalb ist auch in dieser Phase des Spiels höchste Aufmerksamkeit notwendig.

1…Td2 2.Kg3 g5 Droht f4+ mit Gabel und Figurengewinn.

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3.Kf3 h5 Die erste Etappe des Plans wurde umgesetzt: der Turm steht aktiv und die Bauern sind bereit einzugreifen. Bitte beachten Sie, wie die eigene Stellungsverbesserung mit Drohungen erzielt wird. Drohungen sind ein wichtiges Gestaltungsmittel, sie ordnen sich allerdings dem Gesamtplan unter. Weiß muss auf die Drohungen reagieren und hat keine Zeit Gegenspiel zu entfalten.

4.g3 Ta2 Eine wichtige Vorsichtsmaßnahme, der Turm entzieht sich dem Wirkungsradius des Springers, damit keine Springergabel entstehen kann.

5.Sg2 Ke5 6.h4 Ta3+ 7.Ke2 f4 Ein wichtiger Augenblick, Schwarz lässt nicht zu, dass der weiße Springer ein gutes Feld erhält und erzwingt mit dem Zug 7..f4 die Schwächung der weißen Bauernkette, weil nun 8. f3 mit Figurengewinn droht.

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8.gxf4+ gxf4 9.f3 Verhindert den Figurenverlust. 9..Ta2+ 10.Kf1 Txg2! Gut berechnet. Schwarz leitet in ein gewonnenes Bauernendspiel über. Weiß kann das Eindringen des schwarzen Königs nicht verhindern.

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11.Kxg2 Kd4 0-1 Hier gab Weiß auf. Aus Lehrzwecken zeige ich noch mögliche Züge. 12.Kf2 Kd3 13.Kg2 Ke3

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Zugzwang. Weiß kann den Bauer auf f3 nicht mehr decken und Schwarz gewinnt nach der Umwandlung des f-Bauers.

 

 

Verwertung des materiellen Übergewichts

Verwertung des materiellen Übergewichts: Naroditsky – Siva, Qatar Masters Open, 2015

 

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Nf3 Nf6 4. g3 Bg4 5. Ne5 Be6 6. cxd5 Bxd5 7. f3 g6 8. Bh3
Nfd7 9. e4 Nxe5 10. dxe5 Bc4 11. Qxd8+ Kxd8 12. Na3 Ba6 13. e6 fxe6 14. Bf4 Nd7
15. Bxe6 Ke8 16. Rd1 Nf6 17. Be5 Bg7 18. Bc3 Rf8 19. g4 Rd8 20. h4 Bh8 21. h5
g5 22. h6 Nd7 23. Bg7 Nc5 24. Rxd8+ Kxd8 25. Bxf8 Nxe6 26. Bg7 Nxg7 27. hxg7
Bxg7 28. b3 h6 29. Nc2 (Diagramm)
29..b6 30. Ne3 e6 31. Kd2 Ke7 32. a4 Kd6 33. Rc1 c5 34. Nc4+
Bxc4 (34… Kc6 35. Rd1 Bd4 36. Rh1 Bg7 37. Kd3 Bc8 38. e5 Bd7 39. f4 gxf4 40.
Ke4 Be8 41. Rh2 Bg6+ 42. Kxf4) 35. Rxc4 a5 36. Rc1 Kc6 37. Kd3 Be5 (37… b5
38. axb5+ Kxb5 39. e5 Kb4 40. Rc4+ Kxb3 41. Rxc5 a4 42. Rb5+ Ka2 43. Kc4 a3 44.
Kd4 Ka1 45. Rb7 Bf8 46. Kc4 a2 47. Kc3 Ba3 48. Kc2 Bc5 49. Rd7) 38. Kc4 Bf6 39.
Rh1 Bg7 40. Rh2 e5 41. Rd2 Bf6 42. Rd5 Kc7 43. Kb5 Bg7 44. Rd1 Bf6 45. Rd5 Bg7
46. Ka6 Bf6 47. b4 axb4 48. a5 bxa5 49. Rxc5+ Kd6 50. Rd5+ Ke6 51. Kxa5 Be7 52.
Rb5 Bd6 53. Rxb4 Bc5 54. Rb6+ 1-0

Skandinawisch 3..Dd6

Partieanalyse in der Skandinawischen Verteidigung mit 3..Dd6

Huschenbeth – Tiviakov, Bad Wörishofen 2011, 0-1

1. e4 d5 2. exd5 Qxd5 3. Nc3 Qd6 4. d4 Nf6 5. Nf3 c6 6. Bd3 Bg4 7. Be3 e6 8. h3 Bh5 9. Qd2 Bxf3 10. gxf3 Nbd7 11. Ne4 Qb4 12. c3 Qa5 13. b4 Qh5 14. Ng3 Qd5 15. c4 Qd6 16. c5 Qc7 17. Bf4 Qd8 18. Bc4 Be7 19. Rg1 g6 20. Kf1 O-O 21. a4 a6 22. Re1 Nd5 23. Bxd5 exd5 (23… cxd5 24. Bh6 Re8 25. Nh5 Qc7 26. Bg5 Bf8 27. Nf6+ Nxf6 28. Bxf6 Bg7 29. Bxg7 Kxg7 30. Kg2) 24. Kg2 (24. Nf5 Re8 25. Bc7 Qxc7 26. Rxe7 Rxe7 27. Qh6 f6 28. Nxe7+ Kf7 29. Qxh7+ +-) 24… Re8 25. Rb1 Bf6 26. Rgd1 Rc8 27. b5 axb5 28. axb5 h5 29. Bd6 Nb6 30. Rbc1 (30. bxc6 Rxc6 31. Qb4 Qd7 32. Be5 h4 33. Nf1 Nc4 34. Bxf6 Rxf6 35. Qxb7 Qf5 36. Nh2 Re2 37. Qb3 Ne3+) 30… h4 31.Qf4 Bg5 32. Qg4 f5 0-1 (32… Bxc1 33. Rxc1 hxg3) 33. Nxf5 gxf5 34. Qxf5 Qf6 35.Qxf6 Bxf6 36. cxb6 cxb5

 

Rock your future – Schach in der Werbung

Nach meinem Kurs an der Technischen Hochschule entdeckte ich auf dem Flur des Instituts ein Plakat, das sofort meine Aufmerksamkeit beanspruchte.

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Zunächst dachte ich: Rock your future in Chess. Doch Werbung bezieht sich auf die technischen Studiengänge und ist eine explizite Webung für Texas Instruments.

Ein Roboter spielt Schach und ein Junge beobachtet das Spiel. Jeder Spieler weiß heute, dass Schachprogramme wegen ihrer Rechenkraft besser als Menschen spielen. Deshalb ist das Bild ein Hinweis, wie sich die Schachpädagogik ändern wird. Wir können aus dem Spielverlauf der besten Engines Ideen und Muster identifizieren und im eigenen Spiel anwenden.

 

Idee und Ausführung

Das folgende Endspiel entstand in der Partie Larrondo – Camacho, Cuba 1979. Schwarz am Zug.

Der Bauer auf der 2 Reihe ist eine ernstzunehmende Bedrohung. Wenn beide Läufer nicht auf dem Brett wären, könnte Schwarz mit dem Manöver 1..Th1 2. Txa2 Th2+ gewinnen. In dieser Stellung blockiert der weiße Läufer die 2 Reihe. Deshalb leitet Schwarz einen Abtausch ein, um die 2 Reihe zu befreien.

a1

1…Lb5! Ein zunächst überraschender Zug. Auf dem Feld b5 ist der Läufer vom Turm und vom Läufer angegriffen. Nach 2. Txb5 3. Tb1 kann Weiß die Umwandlung des Bauern a2 nur mit einem Turmopfer verhindern und Schwarz hat entscheidenden Vorteil.

Nach 2.Lxb5 Kb6 Doppelangriff.

a2

3.Ta8 Kxb5 4.Kc2 Th1 Und nun entscheidet das Manöver auf der 2 Reihe.

5.Txa2 Th2+ 6.Kb1 Txa2 7.Kxa2 Kc4

a3

Schwarz erobert den Bauer d4 und erreicht ein gewonnenes Endspiel. 0-1

 

 

Eleganz der Einfachheit

In der Partie Kramnik – Krasenkow, Wijk aan Zee 2003 erreichte Weiß ein vorteilhaftes Endspiel. Lässt sich der Mehrbauer verwerten? Weiß am Zug.

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1.g6+ Kh8 2.h6 Nun droht h7 und Schwarz kann sich nicht mit dem Pattmotiv Txd5 retten wegen Txd5 und der Springer kann ziehen.

p2

Ta7  Hofft auf 3. h7 Te7 4. Sxe7 Patt. 3.Se3 gxh6 4.Sf5 Ta5+ Ein ernsthafter Fehler wonach die Partie nicht mehr zu halten ist.

p3

Bessere Chancen auf Remis bot 4…Ta1 5.Sxh6 Kg7 6.Sf5+ Kh8 7.Td4 Te1+ 8.Kf4 Tf1+ 9.Kg4 Tg1+ 10.Kh3 Txg6 11.Th4+ Sh6 12.Sxh6. Das Endspiel Turm und Springer gegen Springer ist zwar theoretisch Remis, aber in der Praxis kann die stärkere Partei noch Gewinnversuche einleiten.

5.Kf4 Ta4+ 6.Kf3 Ta3+ 7.Kg4 Ta4+ 8.Kh5 Ta7 9. Tf8!

p4

 Nun droht 10. Tf7 mit Th7 matt. Tb7 10.Tf7 (In der Partie geschah der schwächere Zug 10. Kh4) 10..Txf7 11.gxf7 Sf6+ 12.Kg6! Und nicht 12. Kxh6 Sd7 13. Se7 Sf8 14. Sg6+ Sxg6 15. Kxg6 Patt.

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Sd7 13.Kxh6 Sf8 14.Sh4 Und Schwarz befindet sich im Zugzwang. Sd7 15.Sg6# Die Eleganz der Einfachheit.

p6

1–0