Ein lästiges Detail

Schach spielen kann so faszinierend sein, weil noch jemand da ist, der die eigenen Pläne durchkreuzt. Weiß am Zug muss sich im folgenden Diagramm (Paglilla – Carbone, Argentinien 1985) Gedanken machen, wie er das Matt auf d1 abwendet. Wie würdest Du hier fortsetzen?

d1

1. Da8 Der Turm wird von a8 und d1 angegriffen und gleichzeitig ist noch die schwarze Dame angegriffen. Schwarz verliert nach 1..Dxf6 2 Dxd8 Material.

d2

Deshalb entscheidet sich Schwarz für 1..Txa8 2. fxe7 Weiß droht 3. Td8.

d3

2..Te8 3. Td8 Fesselt erneut den Turm, der den Bauern auf e7 nicht beseitigen kann.

d4

Nach 3..Txd8 4 exd8D wandelt sich der Bauer erfolgreich um. 1-0

Fazit: Eine kleine Kombination leitet Weiß ein, indem er die Mehrfachbelastung des schwarzen Turms ausnutzt. Da8 ermöglicht eine zweifache Drohung Dxd8 und fxe7. Beide Drohungen kann Schwarz nicht abwenden, denn nach dem Abtausch der Damen erreicht der weiße Bauer die siebte Reihe und kann an der Umwandlung nicht mehr verhindert werden. Ein Schlüssel zum Erfolg besteht darin, mit einen Zug zwei Drohungen aufzustellen.

Warum der Durchbruch gelingt

Das Motiv Durchbruch ist das Thema des heutigen Beitrags. Das folgende Diagramm stammt aus der Partie Lund – Nimzowitsch, Oslo 1921. Schwarz am Zug. Welche Merkmale kannst Du feststellen? Wie kann Schwarz Fortschritte erzielen?

d1

In diesem Endspiel spielt Weiß mit zwei Leichtfiguren gegen Turm und zwei Bauern. Die Defensivstrategie von Weiß besteht darin, die Aktivität des Turms einzuschränken und ihm den Zugang zu den ersten zwei Reihen zu verwehren. Schwarz versucht seinerseits die Bauernmajorität am Damenflügel in Bewegung zu setzen.

1..b4 2 axb4 Nachdem sich Schwarz einen potenziellen Freibauer auf der a Linie schaffen kann, beseitigt er die Blockade am Königsflügel und spielt 2..Txh4

d2

3 gxh4 g3

 

d3

Schwarz droht g2, deshalb muss Weiß 4 fxg3 spielen.

Mit dem Qualitätsopfer und anschließenden Bauernopfer erreicht Schwarz, dass der Läufer auf e3 nur vom König gedeckt wird. So wird der Durchbruch auf dem Damenflügel möglich, weil der weiße König die zusätzlichen Aufgaben nicht erfüllen kann.

Nach 4.. c3+ verbietet sich 5 Kxc3, weil der Läufer auf e3 gedeckt werden muss.

d4

Nach 5 bxc3 a3 ist Weiß machtlos gegen die Bauern a-d-f, die schneller als die weißen Bauern das Umwandlungsfeld erreichen. Eine Variante wäre: 6 Kc1 Kxe3 7 h4 f2 oder 6 h4 a2 und Schwarz gewinnt 0-1.

d5

Schlussfolgerung: Eine koordinierte Aktion an beiden Flügeln ermöglichte Schwarz den Durchbruch. Die Gewinnvariante beinhaltete: ein Bauernopfer b4, Qualitätsopfer h4, Bauernopfer g3, Bauernopfer c3. Das geschah mit dem Ziel die Basis des Läufers f2 zu beseitigen, um anschließend einen Fernbauer auf der a Linie zu schaffen. Das Ergebnis dieser Aktion war die Überlastung des weißen Königs, der beide Aufgaben den – a Bauer stoppen und den Läufer auf e3 decken – nicht erfüllen konnte.

Verwertung des positionellen Übergewichts

Thema des heutigen Beitrags ist die Umwandlung des strategischen Vorteils in Materialvorteil.

In der folgenden Stellung aus der Partie Hlousek – Jansa, Luhacovice 1971 ist Schwarz am Zug.

d1

Welche Merkmale kannst Du feststellen? Wie bewertest Du die Stellung?

  • die Stellung ist materiell ausgeglichen
  • Weiß hat vier vereinzelte Bauern, die angegriffen werden können, während Schwarz am Damenflügel eine kompakte Bauernstruktur vorweisen kann
  • die schwarzen Figuren sind aktiver, der Turm auf c5 hat eine Angriffsfunktion und der Springer auf e5 blockiert den Bauer auf e4, der seinerseits die Aktivität des Läufers auf c2 einschränkt

Schwarz ist positionell im Vorteil.

Wie lässt sich dieses positionelle Übergewicht verwerten?

1..Sg6+ 2. Kg4 Erzwungen. Wenn der König auf der dritten Reihe zieht z.B. 2. Kg3 folgt 2..Txc3 und Weiß verliert den Läufer auf c2. Diese Variante offenbart die weißen Probleme auf der dritten Reihe. Deshalb folgt ein Bauernopfer, um die vierte Reihe zu öffnen.

2..f5+

d2

3 exf5 Tc4+

d3

Damit erzwingt Schwarz den Rückzug des weißen Königs auf der dritten Reihe.

4 Kg3 Txc3+

d4

Wenn der weiße König auf der zweiten Reihe zieht, folgt 5..Txc2+ und nach 6..Se5 verbleibt Schwarz mit Materialvorteil. Deshalb folgt 5 Kg4. Aber nach 5..Se5+ kann der weiße König seine Aufgabe nicht mehr erfüllen – die Deckung des Turms auf h3. Deshalb erreicht Schwarz entscheidenden Vorteil 0-1.

d5

Fazit: Schwarz konnte seinen strategischen Vorteil umsetzten, indem er eine präzise Zugfolge wählte. Weiß verteidigte die Schwäche auf c3 mit dem Turm auf der dritten Reihe. Durch die Öffnung der vierten Reihe durch f5 konnte diese Verteidigungsstrategie in Frage gestellt werden. Dazu kam ein zusätzliches Motiv: die Überlastung des Königs, der die Deckung des Turms nicht mehr erfüllen konnte.

Die Einsamkeit des Königs

Antwort: Ich wollte mit einer Figur weniger die Damen auf dem Brett behalten, damit der Angriff nicht an Schwung verliert. Deshalb spielte ich 22. Lxf5

d2Nun scheitert 22..exf5 an 23. Dh6+ und 24. Dh7 matt; 22..gxh5 ist nicht möglich, weil der Bauer gefesselt ist. Bleibt nur noch 22..gxf5 23. Lxh6 Dg6 Schwarz versucht den Angriff abzuwenden, indem er Material zurück gibt und die Damen zum Tausch anbieten. Auch mit wenigen Figuren auf dem Brett ist die weiße Initiative anhaltend. Auffallend ist, dass die Figuren Ta8, Sa7 und Ld7 am Spielgeschehen, da wo „es brennt“, nicht teilnehmen.

d324. Lxf8+ Dxh5 25. Txh5+ Kg6

d4Das falsche Feld, denn nun beginnt die Wanderung des alleingelassenen Königs. Mehr Widerstand hätte 25..Kg8 geleistet. Aber Weiß würde den Spielablauf auf den schwarzen Feldern dominieren.

26. Th6+ Kg5 27. h4 Kxg4 28. Ld6 axb4 Der letzte Fehler mit nur noch einigen Sekunden auf der Uhr. Geboten war 28.. f4, um das sofortige Matt abzuwenden.

d529. Kg2 Weiß droht f3 matt. 29..f4 30. f3

d630..Kf5 31. Te5 matt.

d7Fazit: Blitzpartien erlauben während des Spiels nur kurze Analysen. Wichtige Merkmale beim erfolgreichen Blitz sind Intuition und Entscheidungskompetenz. Spieler, die zweifeln und zögern, werden bei den Blitzpartien weniger Erfolg haben. Auch die Behauptung, dass Blitzpartien nicht geeignet sind, um die eigene Spielstärke zu verbessern möchte ich relativieren. Beim Blitz erleben zahlreiche Spieler ein „Flowgefühl“, was ein nicht zu unterschätzender Faktor ist bei der Motivation der Schachspieler. Ein motivierter Student lernt intensiver und erfolgreicher. Neben der psychologischen Dimension möchte ich den schachlichen Aspekt hervorheben. Im Rausch der Blitzpartien lassen sich intuitiv die gelernten Stellungsbilder anwenden. Ein Anfänger, der noch wenige Methoden und Muster kennt, der erfährt die Blitzpartien als ein großes Glücksspiel, weil er keine Ressourcen hat, die er abrufen kann.

Trügerische Sicherheit

Nach einer langen Partie können die Kräfte nachlassen und ein Augenblick Unaufmerksamkeit reicht aus, um nach einer gut geführten Partie, dennoch zu verlieren. Im folgenden Diagramm war der letzte Zug 1 f3. Weiß möchte die Dominanz im Zentrum verstärken und 2 e4 oder 2 g4 spielen.

d1

Welches Problem hat Weiß? Kannst Du eine Schwäche in der weißen Stellung finden?

Antwort: der König ist eingeschlossen und kann im Augenblick nicht ziehen.

Wie lässt sich dieses Merkmal ausnutzen? 1..Txc4! 2 Txc4 e5+

Antwort: Schwarz opfert die Qualität und greift mit dem Bauer den König an.

d2

Nach 3 dxe5 Sxe5 erreicht Schwarz eine zweifache Drohung: der Turm ist angegriffen und das Schach auf c6 ist nicht möglich. Gleichzeitig droht Schwarz Sg6 matt.

d3

Beide Drohungen können nicht pariert werden. Nach 4 Ta4 Sg6 Matt

d4

Dieses Finale ist beeindruckend: der König wird im Zentrum vom Springer matt gesetzt.

Fazit: Beim Umsetzen des eigenen Plans ist es wichtig, die Möglichkeiten des Gegners mitzudenken. In diesem Beispiel wurde Weiß taktisch ausgespielt, weil er nicht konkret analysierte, sondern einen Zug nach allgemeinen Erwägungen durchführte.

Seabiscuit – mit dem Willen zum Erfolg

2004 lief in den Kinos der Film Seabiscuit. Dieser Film beruht auf eine wahre Geschichte und schildert die Erfolge des Rennpferds Seabiscuit in den USA der ’20er Jahre. Zunächst unterschätzt und lediglich als Trainingspferd eingesetzt, wurde Seabiscuit von einem begnadeten Trainer entdeckt und gefördert. In der Wirtschaftskrise der ’20er Jahre war Seabiscuit und dessen Lebenslauf ein Symbol der Hoffnung.

Als ich folgendes Diagramm sah, dachte ich zunächst an Seabiscuit und an das Potenzial, das in ihm schlummerte.

D1

Schwarz hat materiellen Vorteil, er hat eine Qualität mehr und der Bauer auf e3 könnte gefährlich werden. Wie sollte Weiß ziehen? Auf Verteidigung umschalten und 1 Te7 oder 1 Txg7 spielen? Weiß entscheidet sich für die Initiative und spielt:

1.Sa6+ Ka8 (der einzige Zug) 2.Sxc7+

D2

2..Kb8 (erzwungen, denn nach 2..Txc7 folgt 3 Td8 Tc8 4 Txc8 Matt) 3.Sa6+ Ka8 (Dauerschach? Nein.)  4.Tb7!

D3

Gegen die Drohung 5 Tb8 gibt es keine Verteidigung. 4..Txc2 5.Tb8+ Txb8 6.Sc7 Matt

Der Springer von b4 ist der Held der Partie. Durch die „Schaukel“ Sa6-c7-a6 gelang es Weiß, die siebte Reihe zu kontrollieren und nach Tb7 war das erstickte Matt Motiv nicht mehr abzuwenden.

Das Brett ist zu klein…

„Das ist eine Frage der Technik“ ist eine angewandte Redewendung, wenn ein Spieler entscheidenden Vorteil besitzt und diesen „nur“ noch umsetzen muss. Auf dem Weg zum Erfolg bedarf es an Konzentration und Präzision. In der folgenden Stellung ist der schwarze Vorteil eindeutig. Auf der Werteskala besitzt Schwarz (L3P+L3P+B1P=7P) und Weiß (T=5P). Wie lässt sich dieser Vorteil umsetzen? Auf dem Weg lauern noch einige Fallen: Schwarz könnte Weiß Patt setzen oder Weiß opfert seinen Turm für den weißfeldrigen Läufer und könnte eine theoretische Remisstellug erreichen, weil der verbliebene Läufer den Bauer bei der Umwandlung auf das Feld h1 nicht unterstützen kann.

Studie von Horwitz und Kling 1851

D1

1…Kg3 Droht Le3+ und Weiß kann das Voranschreiten des Bauerns nur mit einem Turmopfer verhindern. Das entstehende Endspiel mit zwei Läufern ist für Schwarz gewonnen. Daher spielt Weiß…

2.Tg2+

D2

Der Turm opfert sich und hofft auf 3.. hxg2 oder 3.. Lxg2 Patt! Weiß lehnt das Opfer ab.

Kf3 3.Tc2 (oder 3Te2 Le3+ 4Kf1 Lc4 5 Ke1 Lg1 und Schwarz gewinnt) Ke4 4.Te2+ Kd3

D3

Wohin mit dem Turm? Falls 5 Th2 Lxh2 6 Kxh2 Lg2 und Schwarz gewinnt mit dem verbliebenen Bauer.

5.Tb2 Kc3

D4

6 Te2 Kb3!

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Und das Brett ist zu klein für den Turm. Wenn Weiß den Turm auf der e-Linie spielt z.B. 7 Te7, folgt 7..h2+ mit Gewinn. Ebenso gewinnt 7 Tf2 Le3 8 Kf1 Lxf2 9 Kxf2 h2 0-1

Fazit: Das geradlinige Umwandeln des Bauerns führt nicht zum Erfolg. Weiß verteidigt sich mit der Patt Drohung. Die Methode zum Erfolg ist zunächst überraschend. Der schwarze König verlässt den eigenen Bauer und bewegt sich auf der anderen Brettseite. Dieses Manöver geschieht, um die Aktivität des Turms auf der 2 Reihe einzuschränken. Der Turm kann die Umwandlung des Bauerns nicht mehr verhindern.

Tanz der Springer

Matt mit dem Springer ist einer meiner bevorzugten Themen. Lässt sich Matt mit zwei Springer erzielen? Im Endspiel zwei Springer und König gegen König ist das nicht möglich. Wenn zusätzliche Figuren auf dem Brett sind, ändert sich die Einschätzung.

Van der Houw – Stoll, Südlohn 1975

diag1

In der Diagrammstellung ist Schwarz am Zug. Wie kann Schwarz Fortschritte erzielen? Eine Idee wäre, einen Bauer abzutauschen, um den verbliebenen Bauer umzuwandeln. Bei dieser Idee besteht die Gefahr, dass Weiß den Turm für den verbliebenen Bauer opfert und somit eine theoretisches Remis erreicht mit König und zwei Springer gegen König. Doch Schwarz hat die Stellung genau berechnet und eine Ausnahme entdeckt.

1…a3 Der Randbauer wird abgetauscht. Weiß kann nicht mit dem Turm ziehen, weil a2+ Ka1 Sc2 matt droht. Deshalb spielt Weiß 2.bxa3 c3

diag2

Nun droht c2 gefolgt von c1D. Daher spielt weiß 3.Te2 c2+ 4.Txc2 Weiß opfert den Turm für den verbliebenen Bauer und hofft, Remis zu erreichen. 4..Sxc2

diag3

5.a4 Der einzig verbliebene Zug 5..Sa3+ 6.Ka1 Sb4 Weiß kann mit dem König nicht ziehen und nach 7.a5 folgt Sbc2 matt!

diag4Ein instruktives Finale, das darauf hinweist, dass es nicht reicht nach allgemeinen Erwägungen eine Stellung zu bewerten. Schwarz hat erkannt, dass der verbliebene Bauer Weiß mehr schadet als nutzt, weil er Schwarz die nötigen Tempi schenkt, um das Matt aufzubauen.
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Mattangriff im Endspiel

Diagramm1

Narciso Dublan – Medvegy, Andorra 2001

Sh4 Schwarz verteidigt sich aktiv und greift den Bauer g2 an. Wie würden Sie nun fortsetzen?

Kandidatenzüge wären g3, Te2 oder Txh4.

1.Txh4 Weiß entscheidet sich, die Qualität zurück zu Opfern und erkennt, dass nach…

Kxh4 2.Kxf6 …der schwarze König sich nicht befreien kann. Der Bauer g6 ist angegriffen.

Diagramm2

Daher folgt 2..g5 3.Kf5 Der weiße König engt den schwarzen König ein. 3..g4 4.Kf4 Zugzwang 4..g3 5.hxg3 Matt

Diagramm3

Matt mit dem Bauer!

Fazit: Weiß leitete auch mit geringen Figuren einen entscheidenden Angriff ein. Das Problem war die schlechte Stellung des schwarzen Königs und Weiß hat konsequent auf dieses Motiv gespielt. Als Methode wurde das Motiv des Zugzwangs eingesetzt.